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Besuch von Anastasija Gulej

„Ich empfand bei der Befreiung keine Freude, keine Trauer und auch keinen Schmerz

– ich fühlte mich tot.“

Das sind die ersten Worte, die man auf einem großen Banner las, als man die Bibliothek der Berufsschule „Dr. Otto Schlein" betrat. Wie viele Geschichten hat man schon in seinem Leben über den Nationalsozialismus gehört oder gelesen? Welch Grausamkeiten geschehen sind, in den Zeiten, als Hitler an der Macht war, weiß ein jeder von uns. Auch das wir uns heutzutage glücklich schätzen können, ohne Angst verfolgt oder hingerichtet zu werden, aufzuwachsen und selbst Hungersnot leiden zu müssen. Aber heute hatten wir, 120 Schüler und 10 Lehrer, die Möglichkeit genau eine dieser Zeitzeugen persönlich zu treffen und mit ihr ins Gespräch zu kommen.

 

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Die gebürtige Ukrainerin Anastasija Gulej (94 Jahre) hat als junges Mädchen all diese Leiden am eigenen Leibe spüren müssen. Sie erzählte uns genau wie sie mit ein paar anderen Mädchen von einem Gendarme entdeckt und in das Arbeits- und Konzentrationslager nach Auschwitz gebracht worden ist. „Wir bekamen gestreifte Häftlingskleidung an…; mir sollten die Haare geschoren werden. Ich hatte zwei dicke geflochtene Zöpfe, die Frau war deswegen sauer, ich sollte sie öffnen und dann lagen meinen Haare in mehreren Bündeln vor mir auf dem Tisch. Sie können sich vorstellen wie das war als junge Frau die Haare zu verlieren. Es ist, als verliere man seine Würde.“  Zwei Jahre hatte sie in Auschwitz verbracht, sie erzählt vom Alltag im Lager, es gab kaum etwas zu essen, sinnlose Arbeiten sollten verrichtet werden – das Orchester das spielte, wenn die Züge mit Gefangenen ankamen und direkt in das Krematorium gebracht worden sind. „Wir hätten am liebsten gerufen, ihnen gesagt, dass sie doch wenigstens versuchen sollten zu flüchten – sie wussten es einfach nicht, und sie hätten uns aus unseren Baracken nicht hören können, und wenn, dann wären auch wir getötet worden.“

Eine drückende Stimmung lag im Raum – alle Versammelten in der Bibliothek hörten gespannt zu. Wie in einem Film laufen die Bilder im Kopf ab, man möchte nicht glauben welche Szenen Frau Gulej miterleben musste, ihre Geschichte war sehr tiefgreifend und emotional. Weiter erzählt sie wie sie nach Buchenwald und danach nach Bergen-Belsen kam. Nur in Holzschuhen, dünner Kleidung und ausgehungert überstand sie einen langen Marsch, den viele nicht überlebten. „Wir durften nicht zurückschauen, hörten nur ab und an Schüsse – wenn du zu schwach warst oder einfach nicht in der Reihe, bist du erschossen worden."  Sie erzählte alles, bis sie mit den anderen Überlebenden aus dem KZ in Bergen-Belsen befreit worden ist.

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Auch nach ihrer Geschichte nahm sie sich noch die Zeit Fragen zu beantworten. Mit dabei hatten sie Bücher, die in Zusammenarbeit mit der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt entstanden sind. Diese konnte man vor Ort gegen eine kleine Spende erwerben und gleich von Frau Gulej signieren lassen. Das Buch „Kinder des Krieges" beinhaltet 29 Biografien deutscher und ukrainischer Zeitzeugen, inklusive Gulej's und aus deren Sicht die erlebte NS-Zeit. Auch hierbei war das Interesse sehr groß.  

Trotz ihrer Schicksalsschläge hat sie den Mut und die Kraft noch heute ihre Geschichte mitzuteilen und junge Menschen zu informieren. Am Ende gab sie allen Zuhörern nochmal mit auf dem Weg, dass die Liebe das Wichtigste sei. Vielen Dank für ihren Besuch, und dass Sie trotz dieser prägenden Ereignisse weiterhin andere Menschen aufklären. Einen großen Dank auch an Herrn Peter Wetzel, der dieses Treffen überhaupt ermöglicht hat und an Frau Ljuba Danylenko, die Frau Gulej’s Geschichte für uns übersetzte.

Sarah Bernau & Janine Blümke