Wie Paul über das Meer kam

Bericht über einen Bildungstag im Kino

Zwei Menschen. Der eine- Jakob Preuss wurde 1975 geboren, wuchs im wohlhabenden Berlin in einer bürgerlichen Familie auf, studierte Jura in Köln, und Paris und wurde zu einem vielfach ausgezeichneten Dokumentarfilmer.
Der andere, Paul Nkamani kam etwa zwei Jahre später, im von Armut geplagten Kamerun zur Welt. Er wollte Diplomat werden, doch die autoritären Strukturen in der Diktatur Kameruns beendeten frühzeitig seine Karriere.
Bei den Dreharbeiten für die Dokumentation kreuzten sich die Wege dieser zwei Menschen. Für die beiden eine folgenreiche Begegnung.

Während Politik und Medien eifrig über Flucht und Migration diskutieren, haben wir, die Klasse 11/17.2 der Schule BbS Dr. Otto Schlein, im Rahmen des Ethikunterrichts einen Film gesehen in welchem nun auch die Geflüchteten zu Wort kamen. Der Film den wir im Studiokino Moritzplatz anschauten begann in Melia. Melia ist eine Exklave Spaniens an der Küste Nordafrikas. Ein Rest des europäischen Kolonialismus der über Jahrhunderte von Jahren die Mehrheit der Menschheit zur "niedrigeren Rassen" deklassierte, um sie zu unterwerfen, auszubeuten, versklaven und missionieren zu können. Die Folgen dieser Geschichte spüren wir bis heute. Und so sprechen die Menschen, die im Umland vor Melia, die Schwimmweste griffbereit halten, auf ihre Chance nach Europa zu kommen. Sie warten, zu recht. Sie warten darauf sich das wieder zurück holen zu können, was ihnen gestohlen wurde, denn während Europa sich dank des Reichtums der Kolonien einen Vorsprung in Wirtschaft und Technologie aufbauen konnte, musste Paul feststellen, dass auch er, als jemand der mehrere Semester studiert hat, keinen Job, nicht einmal in der Landwirtschaft findet. Ähnlich ging es Millionen anderer junger Menschen in den Staaten Afrikas. Paul zeigt dem Dokumentarfilmer Preuss Fotos von seinem bisherigen Leben. Nach Jahren des Kampfes um ein halbwegs würdevolles Leben in seiner Heimat, in der er zusehen musste wie sein Vater starb, weil die Medikamente unbezahlbar für die Familie waren, in denen er zwar ein Stipendium für eine Uni in Canada erhielt – aber kein Visum. Und er schließlich, wegen seines Engagements in der Studentenvertretung von der Uni flog. Seine Mutter war die einzige Person, der er seinen Entschluss mitteilte, alles ihm vertraute hinter sich zu lassen und nach Europa zu fliehen. Dafür mussten er und seine Leute eine sehr weite Reise durch die Sahara, vorbei an Boko Haram Terroristen und Grenzsoldaten, mal mit klapprigen Autobussen, manchmal über weite Strecken Weg zu Fuß aufnehmen. Um schließlich vor der verschlossenen Pforte der Festung Europa zu stehen. Der Ort an dem er auch Dokumentarfilmer Jakob begegnet. Paul hat die 30 hinter sich. In diesem Alter, in der manch einer sein Boot ins Trockene gebracht hat, bricht er auf zu neuen Ufern.
Paul begibt sich an Bord eines Schlepperbootes. Dieses gerät auf hoher See in Turbulenzen. Drei Tage müssen er, und die anderen Passagiere auf ihre Rettung warten. Die Rettung bedeutete zunächst Haft auf einer spanischen Gefängnisinsel. Glück im Unglück. Jedes Jahr ertrinken tausende Menschen, mit ihrer Hoffnung auf ein besseres Leben am Mittelmeer.
Erschrocken hat uns, wie wenig Empathie es mit diesen Menschen in Europa gibt. So sahen wir im Film zwei Milchbubies in Uniform, die unerfahren schienen, deren Job darin besteht an der deutschen Grenze nach „illegalen Einwanderern“ zu fahnden. Dem Dokumentarfilmer erzählten sie, dass sie noch jung sind und auch unbedingt noch was Spannendes hier erleben wollen.
Zu den Stärken der Dokumentation zählen neben den Dialogen mit Paul die Interviews mit anderen Akteuren und auch das Einbeziehen von Studien, Karten, sowie Einblendungen aus dem spanischen Fernsehprogramm. Um den Lesern dieses Textes nicht die Spannung beim Schauen der Doku zu nehmen, wollen wir vom Schildern der weiteren Handlung größtenteils absehen, bis auf die Anmerkung, dass es uns beeindruckt hat, wie der Regisseur Jakob nach und nach von der Rolle des Journalisten, in die Rolle des Akteurs stieg. Wir finden das dies eine der besonderen Stärken des Filmes ist, da dies dem Zuschauer ermöglicht, zu sehen das aktive Menschlichkeit möglich ist, und beide Seiten bereichert. Paul und Jakob wurden sehr gute Freunde und auch zu Jakobs Eltern baute Paul eine gute Beziehung auf.
Höhepunkt des Tages war nach Ende des Films das überraschenderweise Paul, Jakobs Vater und der Theaterpädagoge von LSA erschien.
Zwischen dieser Troika und uns entwickelte sich eine rege Diskussion.

Paul erzählte von seinen Beziehungen zu Menschen aus Deutschland, erzählte vom Kameruns Gesellschaft, und Gesundheitssystem. Auch erfuhren wir welche Rolle die Religion in seinem Leben spielt. Sehr berührt hat uns, dass Paul jeden Tag Erfahrungen mit Rassismus machen muss.
Auch die Einführung von Herr Preuss in das deutsche Asylrecht, welches es sowohl Geflüchteten als auch denjenigen die ihnen helfen wollen schwer macht, waren sehr bemerkenswert.
Uns allen sollte die scheinbar banale, aber trotzdem leider schnell vergesse Erkenntnis, das es in jeder Gruppe von Menschen, solche und solche und andere gibt, in Erinnerung bleiben. Und dass man sich deshalb stets mit Offenheit gegenüber dem was scheinbar fremd ist bewahren sollte. Die Familie Preuss und Paul sind in dieser Hinsicht ein Vorbild.

In der europäischen Öffentlichkeit hingegen wird aktuell viel darüber diskutiert wie man so wenig Menschen wie möglich aufnehmen kann. Die Herausforderung der Migration nach Europa ist nicht erst seit gestern da. Schon im letzten Jahrhundert begaben sich immer mehr Menschen auf den Weg. Jahrzehnte lang haben sich vor allem Zentraleuropäische Länder wie Deutschland mithilfe des Dublin-Abkommens abgeschottet. Seit in Rostock-Lichtenhagen ein wütender Mob unter dem Applaus der Anwohner auf Bewohnende einer Geflüchtetenunterkunft losging, überbieten sich diverse Politiker im Schaffen immer schärferer Asylrechtsänderungen. Und seit 2016 bezahlt Europa den teuersten Türsteher der Welt: die Türkei, unter Präsident Erdogan.

Warum wird der alltägliche Rassismus nicht viel stärker bekämpft? Warum wurde diese Zeit nicht genutzt um politische Maßnahmen einzuleiten, die nicht die Geflüchteten, sondern Fluchtursachen bekämpfen? Zum Beispiel eine fairere Handelspolitik. Die Europäische Union überschwemmt die Märkte afrikanischer Länder mit subventionierten Exporten, die die lokalen Anbieter chancenlos machen. Europäische Schiffkutter fischen das Meer am Horn von Afrika leer. Und warum Schokolade so billig ist, diskutiert man auch nicht so gerne in Europa.
Wir finden, dass die Bürger der europäischen Union, welche zu Recht Träger des Friedensnobelpreises für 70 Jahre Frieden in Europa ist, sich ihrer Verantwortung historisch und aktuell bewusst werden muss. Wenn wir an Europa denken, dann denken wir oft an die Philosophen der Antike oder der Aufklärung der Begriffe wie Moral, Gewissen, Gerechtigkeit und natürlich auch die Ethik geprägt haben. Aufgabe unserer Generation ist es, diesen Begriffen neues Leben einzuhauchen.

Wir möchten uns bei Paul Nkamani, Herr Preuss, dem Theaterpädagogen Peter Schütz, Projektleiter der SchulKinoWoche Thüringen/Sachsen-Anhalt, dem Studiokino Magdeburg, und vor allem unserer Ethiklehrerin Frau Scheerschmidt bedanken, dass wir die Chance hatten diesen nachdenklichen, und zum Nachdenken anregenden Film sehen zu dürfen.